Sicherheitshinweise in Bedienungsanleitungen: So viel wie nötig, so wenig wie möglich
- bhoffmann

- vor 1 Tag
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Wer eine Bedienungsanleitung, Montageanleitung oder Instandhaltungsanleitung erstellt, steht häufig vor der Frage: Welche Sicherheitshinweise sind notwendig? Die naheliegende Antwort könnte lauten: möglichst viele. Schließlich soll die Anleitung rechtssicher sein und alle denkbaren Haftungsrisiken abdecken.
Doch genau hier beginnt das Problem. Zu viele Warnhinweise in einer Anleitung werden vom Nutzer nicht gelesen. Die Folge: Die Sicherheit leidet. Nutzer übersehen wichtige Informationen oder ignorieren das Kapitel komplett.
Kurz gesagt: Zu viele Sicherheitshinweise in einer Bedienungsanleitung erhöhen nicht die Sicherheit. Im Gegenteil: Eine Überfrachtung mit Warnungen führt oft dazu, dass Nutzer wichtige Hinweise nicht wahrnehmen. Daher muss die Relevanz genau bedacht werden. Denn Verständlichkeit und Lesbarkeit, mithin Nutzerfreundlichkeit machen eine moderne Anleitung aus.
Wie also können Sie Sicherheitshinweise gezielt einsetzen?
Zu viele Sicherheitshinweise verschlechtern die Sicherheit
Vor kurzem war ich bei einem Businesstreffen. Dort kamen wir auf das Thema Sicherheitshinweise in Montageanleitungen. Ein Teilnehmer vertrat die Ansicht, man solle einfach alle denkbaren Warnhinweise aufnehmen. Dann könne schließlich nichts passieren.
Auf den ersten Blick klingt das plausibel. Die Anleitung enthält sämtliche Risiken und erscheint rechtlich abgesichert, das Haftungsrisiko trägt der Nutzer. Das Problem: Ist eine Anleitung überfrachtet, sinkt die Aufmerksamkeit der Leser. Wichtige Informationen gehen unter. Da kommt der berühmte Hamster ins Spiel, der zum Trocknen nicht in die Mikrowelle gesteckt werden darf.
So was ist natürlich Blödsinn.
Deshalb lautet eine Voraussetzung für Sicherheitshinweise: Immer den vernunftbegabten Menschen voraussetzen. Und jeder Warnhinweis muss abgewägt werden. Am besten im Team.
Warum User Experience (UX) auch für Sicherheitshinweise gilt
Lesbarkeit und Verständlichkeit stehen mittlerweile im Fokus von Anleitungen. Die Norm DIN EN 82079-1 fordert ausdrücklich, dass Nutzerinformationen verständlich, zielgruppenorientiert und benutzerfreundlich gestaltet werden. Zur Info: Die Norm regelt das Erstellen von Nutzerinformationen, etwa Handbücher und Betriebsanleitungen.
Deshalb gilt:
nur relevante Sicherheitshinweise aufnehmen
Warnungen verständlich formulieren
Hinweise an der richtigen Stelle platzieren
Zielgruppe berücksichtigen
Welche Gefahrenbereiche müssen berücksichtigt werden?
Gefahren durch die Maschine
Bei der Risikobetrachtung stehen zunächst die Gefahren durch die Maschine selbst im Mittelpunkt: beispielsweise heiße Oberflächen, rotierende Bauteile, scharfe Kanten, Quetschstellen, elektrische Spannungen.
Wichtig: Falls Sie selbst ein Gerät entwickeln oder daran beteiligt sind: Bevor eine Maschine auf den Markt kommt, müssen Gefahrenherde so weit wie möglich beseitigt werden. Das heißt, was in den Sicherheitshinweisen festgehalten wird, darf nur das Unvermeidliche sein, was im Gebrauch als Restrisiko bleibt. Zuerst müssen in der Entwicklung Gefahren eliminiert werden.
Der nächste Schritt, um das Restrisiko zu minimieren: Schutzeinrichtungen an der Maschine anbringen, wie Schirme, Not-Halt. Warnschilder direkt an der Maschine platzieren.
Falls Sie mehr über die Risikoanalyse wissen möchten. Was sie beinhaltet, wie vorgegangen wird: Hier kommen Sie zu meinen Beitrag: Wie geht Risikobeurteilung? - Bei einer Maschine
Risiken bei Bedienung und Montage
Zu den Gefahren durch die Maschine selbst treten Gefährdungen bei Bedienung, Montage, Instandhaltung. Wenn zum Beispiel schwere Bauteile angehoben werden müssen. Oder Bediener können sich an Werkzeugen verletzen. Vielleicht wurde etwas falsch montiert. Natürlich immer auch Arbeiten unter Netzspannung vermeiden.
Neben Warnhinweisen sind vor allem verständliche Arbeitsanweisungen entscheidend.
Bedienfehler vermeiden
Viele Unfälle entstehen durch Missverständnisse. Deshalb sollten Handlungsanweisungen:
kurz formuliert sein
eindeutig verständlich
keine Interpretationsspielräume lassen
Dabei spielt die Zielgruppe eine wichtige Rolle. Eine Monteurin benötigt andere Informationen als eine Hilfskraft oder eine medizinisch-technische Assistentin (MTA). Darauf bin ich bereits in einem früheren Blogbeitrag eingegangen: Technische Videoanleitung – für Nutzer produziert, und normgerecht
Welche Arten von Sicherheitshinweisen gibt es?
Allgemeine Sicherheitshinweise
Die allgemeinen Sicherheitshinweise stehen meist als eigenes Kapitel weit vorne in der Anleitung. Auf jeden Fall nicht direkt bei den Tätigkeiten, den Handlungsschritten. Die Funktion: Die allgemeinen Sicherheitshinweise vermitteln dauerhaft relevantes Wissen über den sicheren Umgang mit Maschine, Gerät oder Anlage.
Beispiel für die Gestaltung eines Sicherheitshinweises:
Gefahr – Rotierende und bewegte Bauteile!
Einzugsgefahr an rotierenden Reifen, Scheiben und Keilriemen.
Vor Arbeiten an der ... die Anlage ausschalten und gegen Wiedereinschalten durch Dritte absichern.
Nachlaufzeit der Anlage beachten.
Im Gefahrenbereich enge Schutzkleidung tragen.
Die Gefahr wird benannt (rotierende und bewegte Bauteile), genauer beschrieben (Einzugsgefahr an rotierenden ...) und Vorsichtsmaßnahmen werden genannt (Anlage ausschalten ..., Nachlaufzeit, Schutzkleidung).
Hier können die Sicherheitshinweise abgesetzt in den Fließtext eingehen. Aber keine Romane schreiben. Immer kurz und übersichtlich halten.
Sicherheitshinweise bei einzelnen Arbeitsschritten
Diese Warnhinweise erscheinen direkt vor einer Handlung oder innerhalb eines Arbeitsschritts.
Nutzer erhalten die Information genau dann, wenn sie benötigt wird.
Auf diese Art von Sicherheitshinweisen gehe ich demnächste in einem separaten Beitrag ausführlicher ein.
Weitere Beispiele für allgemeine Sicherheitshinweise
Die allgemeinen Sicherheitshinweise können auch mit einem passenden Gefahrensymbol bestückt werden. Doch auch hier Vorsicht, eine Überfrachtung mit Symbolen bewirkt ebenfalls das Gegenteil.

Gefahr – Gerät nicht öffnen
Sehr hohe Spannung im Innern (1000 V), Gefahr eines Stromschlags!
Das Gerät nur öffnen, wenn es nicht mehr an den Strom angeschlossen ist!
Gefahr durch heiße Oberflächen
Motoren weisen heiße Oberflächen auf.
Gefahr von Verbrennungen an Händen und Armen!
Vor Arbeiten am Motor: Erst den Motor abkühlen lassen.
Abdeckungen erst entfernen, wenn der Motor abgekühlt ist.
Wie bringt Sie Nutzer dazu, Sicherheitshinweise zu lesen?
Das Kapitel als dringlich einstufen
Das Kapitel als ‚Sicherheitsvorschriften‘ bezeichnen. Das fördert den offiziellen Charakter, erhöht den Druck, wenn es sich nicht nur um Hinweise, sondern um Vorschriften handelt.
Bereits auf dem Titelblatt darauf hinweisen
Eine Platzierung auf dem Deckblatt der Anleitung erhöht die Dringlichkeit: 'Anleitung vor Inbetriebnahme unbedingt vollständig lesen'.
Den Nutzen hervorheben
Das Kapitel Sicherheit mit dem Appell einleiten, dass nur ein sicherer Umgang mit der Maschine Nutzer und Maschine schützt.
Keine Inflation an Warnhinweisen
Und nochmals die bereits besprochene Voraussetzung: Keine Überfülle an Sicherheitshinweisen.
Dietrich Juhl, der Experte schlechthin für Technische Dokumentation, führt noch das Drohen an, dass etwa bei Nichtbeachten keine Haftung besteht. Doch er fügt an, dass das Vorgehen wohl auf tönernen rechtlichen Füßen steht.
Sein Buch ist auf jeden Fall eine Anschaffung wert: 'Warn out - Konzept für sinnvolle Sicherheits- und Warnhinweise'.
Fazit
Sicherheitshinweise in Bedienungsanleitungen sollen Risiken minimieren und Anwender schützen. Doch eine Überflutung mit Warnungen gefährdet die Sicherheit.
Man unterscheidet zwischen allgemeinen Sicherheitshinweisen und denen, die Handlungsanweisungen begleiten. Im Fokus beider steht immer Verständlichkeit, Zielgruppenorientierung und eine sinnvolle Platzierung. Sowie die User Experience (UX), auch im Sinne der Norm DIN EN 82079-1, die das Erstellen von Nutzerinformationen regelt.
Als Nächstes werde ich die Warnhinweise direkt bei den Handlungsanweisungen besprechen: Textlich gestalten, Symbole einsetzen. Risiken einschätzen.
Falls Sie Fragen haben: Hier meine Kontaktdaten. Für ein Informationsgespräch stehe ich gerne zur Verfügung.



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